Wortgefecht. Round 1: Internet Trends

Trends rumoren im Internet wie der Magen in der Fastenzeit. Doch wem nutzen Kübel voll Eiswasser, Selbstportraits in Regenbogenfarben oder ein gut platzierter Bleistift unter einem Paar Brüsten eigentlich? Niemandem? Allen? Einem mystischen Kreis anonymer Auserkorener? Die Meinungen sind gespalten. Unser Creative Director Markus Strengberger und unsere Social Media Managerin Rafaela Scharf haben die Social Media Trends unter die Lupe genommen und in einem hitzigen Wortgefecht Agenda- statt Trendsetting betrieben. Trending Topics – The Naked Truth oder Urban Legend? Ja oder Nein? Pro oder Kontra? Findet es hier heraus:

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Ich war dabei!

Als Digital Native habe ich alles erlebt…und mitgemacht. Ich bin in „Planking“-Pose auf Schreibtischen gelegen, habe mein Büro in einem wilden „Harlem Shake“ verwüstet und in den Sommermonaten 2014 schüttete ich mir Eiswasser – ok, es war lauwarmes Wasser und es war kein ganzer Eimer, sondern nur ein Glas – über den Kopf. Aber die so genannte Ice Bucket Challenge war es wert. Und ich befand mich in der Gesellschaft von hundert-tausenden Social Media Nutzern, die es mir gleichtaten. Beginnend bei Prominenten, über lokale Dorfberühmtheiten und 2. Runden Teilnehmer aus Castingshows, sie alle ließen sich in semi-professionellen Handy-Videos Eimer voll Eiswasser über den Kopf gießen. Alles für den guten Zweck und dabei macht das Netz keinen Unterschied, wer seine Unterstützung zeigt. Ein Moment, in dem demographische, gesellschaftliche und politische Unterschiede ausgeblendet werden.
Und jetzt? Da sehe ich halb entblößte Brüste… Habe ich die falsche Webseite angeklickt oder erkenne ich da einen neuen Internet-Trend?
Ich werde neugierig.

Mit Brüsten und einem Bleistift zum Web-Trend

#CarryPenUnderBreast nennt sich das neueste Internet-Phänomen und polarisiert Männer wie Frauen gleichermaßen. Aja, und Facebook, dessen verkehrte Zensurrichtlinien im Regelfall Brüste aus den User-Feeds verbannt, aber Hetzpostings bekanntermaßen zulassen. Da stecken sich Frauen einen Bleistift unter die Brust, um die Echtheit ihrer Oberweite zu zeigen. Sozusagen mit nicht „erhobener” Brust für die Natürlichkeit, wider den Auswüchsen der ästhetischen Chirurgie.
Ich werde hellhörig. Doppelt hellhörig 😉

Ich war der Erste!

Trends, wie sie das Internet scharenweise und in regelmäßigen Abständen hervorbringt, aktivieren die Masse! Mehr noch – sie sind kollektive soziale Tsunamis, die über digitale Netzwerke hinwegfegen, unseren Facebook Stream in den Farben der Tricolore färben oder „Change“ zum Wort des Jahres ausrufen. Und wie es eine Flutwelle so mit sich bringt: Sie verschwindet so schnell wie sie gekommen ist und hinterlässt nebst viel medialer Präsenz allerorts fragende Gesichter: Was war das? Wieso macht man das? Kann ich da mitmachen? Ist das schon wieder vorbei? Die Trendforschung, zugegeben auch an ihr hat der Zahn der Zeit genagt, spricht von den Early Adoptern, Vorreitern, die den Trend annehmen und ihn für die breite Masse aufbereiten. Wer auf den Zug aufspringt, kann sich zumindest Social Media technisch auf die Schulter klopfen. „Ja, ich war dabei! Ich mache mit – ich bin ein Insider!“ – Aber Vorsicht, ein Trend ist nur so lange ein solcher, bis er von den behäbigen Big-Playern im Netz aufgegriffen wird. Oder noch schlimmer: Hat es dieser Trend auf die gedruckten Seiten der (Kronen)-Zeitung oder in die U-Bahn Ausgaben der „Heute“ geschafft, ist er in Wahrheit schon längst vorbei. Schließlich ist Facebook ja auch uncool, seitdem eine Benachrichtigung in grellem Rot aufblinkt, man möge doch die eigene Mutter „frienden“.
Ich grabe tiefer.

Und ich fühle mich „global“!

Die Beweggründe für solche Ereignisse sind denkbar einfach. Es gibt ein Problem, eine Entwicklung, eine Ursache, ob Special Interest oder für die breite Netzbevölkerung angedacht, sei dahingestellt. Man will Bewusstsein schaffen und ruft eine Challenge ins Leben. Die kritische Masse wird überschritten und der Wettbewerbsgedanke setzt ein. Der Ehrgeiz unter den Ersten und Zeuge, nein, Mitträger dieser gemeinschaftlichen Sozialdynamik zu sein – das erhebende Gefühl für einen kurzen Moment eine Bewegung unterstützt zu haben, die größer ist als das Sammelsurium der Facebook-Freunde – besonders jener aus den Volksschultagen mit den nervigen Kiddie-Fotos. Unsere Eltern hatten Studentenrevolutionen, skandierten Demo-Sprüche vor Wasserwerfer-Patrouillen und schafften es in Summe, gemeinsam, Mauerwerk einzureißen. Sie trugen tellergroße Peace-Zeichen um den Hals und steckten sich Blumen in die Haare – wir teilen Bilder von unseren Brüsten, färben unsere Social Media Profilbilder und mobilisieren digital – einfach, schnell und globaler, als es nur wenige andere „Bewegungen“ schaffen konnten.
Ich will auch Teil von etwas sein.

Ich bin nicht allein!

Wir haben Challenges…und mit nur einem Kopfdruck, einem Bild, einer veröffentlichten Nachricht, dem Like und Share sind wir dabei. Herrlich! (y) Obgleich es globale Bewegungen sind, ist man Teil davon – auch, ja gerade weil man im schönen Gramat-Neusiedl sitzen kann und sich trotzdem als der Nabel der digitalen Welt fühlen darf. Das Beste von allem: Es ist für jeden etwas dabei. So vielfältig, wie ihre Teilnehmer. Spaß-Trends, skurrile Bilder, gesellschaftliche und politische Umwälzungen. Man(n) kann über die jüngste Ausprägung #CarryPenUnderBreast schmunzeln, sich darüber echauffieren, boykottieren, die Sexismuskeule auspacken oder die zur Schau gestellte Trittbrettfahrerei oder Selbstvermarktung kritisieren – ich sage:
Freuen wir uns darüber, dass wir heutzutage Mittel und Wege vorfinden, die solche Aktionen zulassen, die unseren Horizont, wo auch immer dieser begrenzt ist, erweitern und von Zivilcourage bis zur simplen Publizität von Special-Interest Themen alle schönen Formen der Partizipation hervorbringen. Sie mögen kurzweilig sein, aber umso intensiver wird die Message in dieser Zeitspanne millionenfach um den Globus geschickt. Es sind diese kurzen Momente, in denen Soziale Medien ihrer Bestimmung nachkommen und Menschen und ihre Anliegen vernetzen, vereinen und eine, vielleicht nicht immer vollkommen widerspruchsfreie Nachricht/Intention, unterstützen. Schlussendlich wird die Nachfrage der digitalen Generation befriedigt, etwas mit diesem riesigen und mächtigen Apparat namens Internet anzustellen, das Sinn macht und etwas verändern kann. Jeder Trend und jede Challenge ermöglicht uns die Anonymität des World Wide Webs für einen guten Zweck hinter uns zu lassen und zwischen „Ich freue mich auf den Feierabend“ und „<3 Minni und Stritzi – ich liebe meine Katzen“ – Posts etwas Sinnvolles damit anzufangen.

Also auf zur nächsten Challenge – aber vorher bitte noch einen Bleistift hervorkramen 😉

(streng)

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„Nicht dabei sein ist alles!“ oder „Warum ich cooler bin als alle anderen“

So ungern und jedwedem Geltungsdrang in mir widerstrebend ich eine Argumentation mit einem Zugeständnis an die Beobachtungsgabe meines geschätzten Kollegen auch einleite – Herr Strengberger, Sie haben recht. Zumindest in einer Sache. Forscht man in den Gesichtern von Partizipanten neuester Social Media Trends neugierig nach Reaktionen, die dem bunten Treiben von sinnentleertem Bierglasschlürfen bis hin zu Hirnfreezing aus dem Fass, Eimer, oder in manch fragwürdigen Fällen auch aus dem Glas, ein Zeugnis ausstellen, so wird man vor allem eines finden – Fragende Blicke, die aussprechen, was jeder Vernunftbegabte anstelle des Thigh Gaps zwischen den Oberschenkeln auf seiner Timeline posten sollte: Warum?

Stellvertretend für alle, die, ganz im Sinne des sozialen Tsunamis, oder wie ich sagen würde, der Cinnamon Challenge, den Mund nicht ganz so voll nehmen können, weil das Sprachrohr gerade von einem Löffel Ceylon Gewürz trockengelegt wird, möchte ich mich an einer Antwort versuchen. Anstatt mich aber mit der Frage nach dem Warum, auf die es bekanntlich nie eine zufriedenstellende Antwort geben kann, aufzuhalten, widme ich mich der vor allem im Falle von Social Media Trends, viel angebrachteren Frage: Warum nicht? Und komme alsbald zu einem naheliegenden Ergebnis. Weil ich cooler bin als alle anderen.

Die neue Coolness

Wer modern sein, auffallend anders sein, kurz, jemand, sein will, sollte sich dem Trend der Masse entziehen. Die größten Geister, die die Geschichte hervorgebracht hat, haben sich der Mode verweigert und sind in die entgegengesetzte Richtung gegangen. Gleichartig kann jeder. Andersartig ist die neue Mode. In ist, wer nicht drin ist und nicht dabei sein ist schlichtweg alles. Denn, wenn wir uns ehrlich sind – und angesichts der Öffentlichkeit, mit der wir unser Gedankengut seit dem Aufkommen von Social Media so offengeistig teilen, sind wir wohl ehrlicher denn jemals zuvor – so ist noch kein Mitläufer über den Windschatten seines Vorgängers hinausgekommen. Der Applaus gebührt dem Urheber. Alles, was danach kommt, ist mindestens so alt wie eine Ice Bucket Challenge im Jahr 2016. Im Newsfeed der Moderne zählt ein Facebook Faksimile etwa soviel wie ein „Gefällt mir“ unter dem eigenen Profilbild. Oder, plastischer ausgedrückt, hätte Impressionist und Ohrenverstümmler Van Gogh den Trend #EarCutting1888 etabliert, so hätte außer ihm wohl keiner von der im Blut badenden Publizität profitiert. Im Facebook vor der Jahrtausendwende hätte Van Gogh zwar ein Ohr weniger, dafür aber zumindest einige Likes mehr unter seinen „Sonnenblumen“ gezählt. Alle Nachahmer hätten allerdings nichts von der barbarischen Aktion gehabt – naja, außer eben einem Ohr weniger. Angesichts Sinn, Unsinn und Wahnsinn von Facebook Trends stellt sich also vordergründig eine Frage – Wem bringt es eigentlich was?

Sinn, Unsinn, Wahnsinn?

Die Antwort fällt nach langem Nachdenken, kurzem Zögern und ewig währender Überzeugung relativ einsilbig aus – Allen. Außer denen, die mitmachen. Denn Empfänger von Solidaritätsbekundungen, Spenden und Sensation Seeking Audiences ausgenommen entstehen den Handlangern von Trendic Topics nichts als Nachteile. So droht den durch die Biernominierung zu Alkoholmissbrauch Berufenen im glimpflichsten Fall Katerstimmung in Kopf und Geldbörse. Im schlimmsten Fall, wie in Irland und England geschehen, mutiert der trinkwütige zum tödlichen Spaß. Der Missbrauch von Zimt wirkt bei der #CinnamonChallenge nicht nur atembe- sondern bis zur Erstickungsgefahr atemraubend. Der Thigh Gap, also jener vermeintlich verführerische Abstand zwischen den Schenkeln, prognostiziert außer einer schlanken Silhouette den Beginn einer ausgeprägten Essstörung. Und am Nabel der Welt bewegt man sich mit Social Media Trends wie der Belly Button Challenge maximal auf einer semantischen Ebene. Wer der Mode, abzumagern, bis man seinen Bauchnabel von hinten rum umfassen kann, allzu ehrgeizig folgt, wird sich letztlich, zumindest metaphorisch gesprochen, weniger am Nabel, als am Allerwertesten befinden.

Was die Oma schon wusste

Natürlich gibt es auch weitaus weniger bedenkliche Trends, die unheilvollen Prognosen die soziale Sprengkraft nehmen. Besagter #CarryPenUnderBreast Hype zum Beispiel birgt für den Anwender wohl weitaus weniger Gefahren – wobei auch hier die individuelle Vernunftbegabtheit zu allen Zeitpunkten ausschlaggebend sei (man unterschätze nie die Gefahr einer gut gespitzten Bleistiftmiene) – und verwöhnt auch das Publikum mit den ein oder anderen Anzüglichkeiten. An dieser Stelle muss aber mahnend an Omas gute alte, mit erhobenem Finger bedrohlich betonte Phrasendrescherei verwiesen werden: „Das Internet vergisst nichts. Nie. Nicht einmal, wenn man es löscht (sic!)“

„Gott sei Dank“, denke ich, und lasse den Blick vom Bleistift auf meinem Schreibtisch vergnügt zu meinem iPad wandern. Denn, meinem Fazit, dass von Social Media Trends mehr die passiven Beobachter denn die aktiven Ausführer profitieren, folgend, steht für das nächste Abendprogramm noch eine gründliche Google Recherche an. Markus Strengberger beim Planking am Schreibtisch? Lasst die Stifte fallen, die Primetime kann beginnen!

Die Gesetze von Social Media, Sozialverhalten und Erdanziehungskraft

Bei Social Media Trends sollte also das soziale Schema gut gefüllter Kinosäle vorherrschend sein – Zurücklehnen, Show genießen, Nachahmungseffekte penibel vermeiden. Wer sich dennoch nicht zurückhalten kann, sollte seine Neugier zumindest still und heimlich und nur für sich befriedigen. So geschehen vielleicht auch in meinem Fall. Welches Ergebnis die #CarryPenUnderBreast Challenge aber gebracht hat, bleibt ein Geheimnis zwischen einer Brust, einem Druckbleistift, einem Textmarker, einem Jumbo Edding, den Gesetzen der Gravitation und mir. Conclusio – Nicht dabei sein ist eben doch alles.

Und wenn man es einfach nicht lassen kann und aufgrund ausgeprägter Gefühle von Einsamkeit doch noch einem Trend, dem Stumpfsinn des Kollektivs, nachhechten muss, so empfehle ich in Vorbildwirkung ein Meme, dem sogar ich, gekonnt gepostet unter so mancher Challenge, noch so einiges abgewinnen kann: „I don´t want to live on this planet anymore.“

(scharf)

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